Zu Beginn des Jahres 2026 lag der Fokus der Märkte auf den disruptiven Auswirkungen der KI. Gab es für Unternehmen, die Software-Abonnements verkaufen, noch eine Zukunft? Oder würden wir in ein paar Jahren alle unsere eigenen Anwendungen per „Vibe-Coding“ programmieren? Die Renditen sanken, und die Credit Spreads pendelten hin und her, während sich die Märkte mit der Vorstellung auseinandersetzten, dass KI-getriebene Veränderungen die Produktivität steigern, die Preise senken und möglicherweise zu Massenarbeitslosigkeit führen könnten.
Ende Februar, noch bevor die Märkte diese Fragen klären konnten, griffen die Vereinigten Staaten den Iran an. Die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus führte nicht nur zu höheren Preisen für Öl und Gas, sondern auch für wichtige Güter wie Düngemittel, Aluminium, Helium und verschiedene andere Industriechemikalien. Das Ergebnis war ein Markt, der versuchte, zwei sehr unterschiedliche Kräfte gleichzeitig einzupreisen.
Die Renditen von Staatsanleihen stiegen, und die Credit Spreads weiteten sich deutlich aus. Bis Ende März hatte sich der Konflikt beruhigt, doch die Meerenge blieb weitgehend gesperrt. Die Märkte erkannten, dass der Krieg für die Preise (deutlich höher) eine größere Rolle spielte als für das Wachstum (stabil bis leicht schwächer), die Gewinne blieben recht robust, und die Credit Spreads erholten sich rasch, obwohl die Renditen weiter stiegen.
Angebotsschocks, nicht Nachfrageschocks
Die bestimmenden Kräfte in diesem Jahr sind Angebotsschocks, nicht Nachfrageschocks. Der Krieg im Nahen Osten ist dabei der akute Angebotsschock: unmittelbar, inflationär und mit Erinnerungen an die Ölkrisen der 1970er Jahre. Künstliche Intelligenz ist dagegen der strukturelle Angebotsschock: langsamer verlaufend und potenziell disinflationär, mit Potenzial, die Produktivität zu steigern und die Preise zu senken. KI wird eine enorme Rolle spielen – es wird aber Jahre dauern, bis sich dies in den Makrodaten niederschlägt. Derzeit dominiert der akute Schock. Die Meerenge wurde wieder geöffnet, allerdings nur teilweise. Angebotsschocks haben langfristige Auswirkungen, und der Inflationsimpuls wird noch monatelang zu spüren sein, selbst wenn die Meerenge wieder vollständig geöffnet ist.
Diese Unterscheidung bestimmt unsere Überlegungen zur Positionierung für den Rest des Jahres 2026. In einer durch Angebotsschocks geprägten Welt entwickeln sich Wachstum und Inflation gegenläufig, während Zinssätze und Credit Spreads tendenziell gemeinsam steigen und sinken. Wenn sich Zinsen und Spreads im Gleichklang bewegen, gleicht die Duration das Kreditrisiko nicht mehr aus. Deshalb würden wir eine etwas niedrigere Duration als noch vor einem Jahr in Betracht ziehen – nicht, weil wir einen Zinsanstieg prognostizieren, sondern weil der Diversifizierungseffekt, den Anleger von der Duration erwarten, in diesem Umfeld weniger ausgeprägt ist.
Ein besseres Umfeld für die Titelauswahl
Das gleiche Umfeld, das den Absicherungseffekt der Duration schwächt, ist gut für die Sektor- und Wertpapierauswahl. Angebotsschocks treffen Sektoren und Emittenten unterschiedlich stark, und diese Ungleichmäßigkeit zeigt sich in der breitesten Streuung auf Sektorebene seit Jahren. Die durchschnittlichen Spreads sind wieder auf ein historisch enges Niveau zurückgegangen, was darauf hindeutet, dass eine defensivere Risikoposition eingenommen und Liquidität für Marktverwerfungen bereitgehalten werden sollte. Hinter dem Durchschnitt verbergen sich jedoch Anlagechancen. Vor dem Hintergrund enger Indexspreads hat sich die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern vergrößert – und genau dort finden wir Wertschöpfungspotenzial. KI sorgt für Unsicherheit hinsichtlich der langfristigen Gewinner und Verlierer. Höhere Zinsen legen Unterschiede in der Unternehmensqualität offen, die in Zeiten von Nullzinsen verborgen blieben, und Anleger gehen in Bezug auf Sektoren, die unter zyklischem Druck stehen (wie Software, Wohnimmobilien und Teile des gewerblichen Immobiliensektors) selektiver vor. Die durchschnittlichen Bewertungen erscheinen zwar hoch, einzelne Wertpapiere können aber nach wie vor attraktives Wertschöpfungspotenzial bieten.
High-Yield-Unternehmensanleihen, Schwellenländeranleihen, verbriefte Schuldtitel und Wandelanleihen sind die Sektoren, die wir zu Beginn der zweiten Jahreshälfte 2026 als besonders attraktiv erachten. Für uns ist in diesem Jahr jedoch ein Gleichgewicht entscheidend: Die zunehmende Streuung hat in vielen Credit-Sektoren Wertschöpfungspotenzial geschaffen, was unserer Ansicht nach eine gewisse Umschichtung des Risikos in High-Yield-Anleihen aus Industrieländern und Senior Secured Loans sowie eine hohe Diversifizierung erfordert.