Deutschland (Germany), Professionelle Anleger

Ändernchevron_right
menu
search
Skip to main content

Künstliche Intelligenz: Mythos, Macht und aktueller Stand

4 Min. Lesezeit
2027-05-31
Archiviert info
Archivierte Inhalte sind weiterhin auf der Website verfügbar. Bitte beachten Sie das Datum der Veröffentlichung, wenn Sie diese älteren Inhalte lesen.
645912480
Thomas Mucha, Geopolitical Strategist
645912480

Im April 2026 stellte das auf KI-Sicherheit und -Forschung spezialisierte Unternehmen Anthropic mit Mythos eines seiner neuesten Modelle vor, das als Teil seines breiteren KI-Systems Claude entwickelt wurde. Auf praktischer Ebene ist Mythos darauf ausgelegt, Schwachstellen und Lösungen für die Widerstandsfähigkeit von Software selbstständig zu erkennen, zu analysieren und in operative Maßnahmen zu überführen – und zwar in einem Umfang und einer Tiefe, die weit über die Möglichkeiten eines von Menschen gesteuerten oder regelbasierten Systems hinausgehen.

Was Mythos von anderen KI-Modellen unterscheidet, ist seine Fähigkeit, unbekannte Probleme zu untersuchen und neuartige Angriffs- und Verteidigungsstrategien zu entwickeln. Dies lässt auf naheliegende Anwendungsmöglichkeiten in den Bereichen Cyberoperationen, Schutz kritischer Infrastrukturen und nachrichtendienstliche Analyse sowie in anderen risikoreichen Bereichen schließen.

Das Wichtigste, was man in Bezug auf Mythos verstehen muss, ist jedoch nicht seine Leistungsfähigkeit, sondern was seine Existenz an sich bedeutet. Aus meiner Sicht ist Mythos nicht nur ein leistungsstarkes neues Modell oder gar ein Quantensprung bei den Tools für die Cybersicherheit. Es ist vielmehr ein Meilenstein: Die KI hat sich von einer vorwiegend wirtschaftlichen Technologie zu einem Instrument der nationalen Sicherheit entwickelt.

Die derzeitige US-Regierung könnte die Einführung von Mythos zudem als eine Art Wendepunkt betrachten. Berichten zufolge erwägt der Präsident, eine staatliche Aufsicht im Bereich der KI einzuführen. Dies wäre eine dramatische Kehrtwende gegenüber seiner bisherigen Laissez-faire-Haltung gegenüber Technologieunternehmen, die KI-Modelle entwickeln.

KI als Infrastruktur für die nationale Sicherheit

In den vergangenen zehn Jahren ging es bei politischen Debatten über künstliche Intelligenz vor allem um die Themen Ethik, Verzerrungen (Bias) und Sicherheit. Hinzu kamen auf Makroebene Überlegungen zur Produktivität, zu den Auswirkungen auf die Löhne, zu den Folgen für die Struktur von Branchen und Ähnliches.

Diese Fragen sind zwar wichtig, aber sie reichen nicht aus. Mythos zeigt, warum: Sobald KI-Systeme beginnen, Lösungen für Resilienz in großem Maßstab eigenständig zu erkennen und umzusetzen, werden sie zu Bestandteilen der staatlichen Macht und sind nicht mehr nur Werkzeuge zu deren Unterstützung.

Deshalb bin ich der Meinung, dass KI immer mehr einer strategischen Infrastruktur ähnelt und immer weniger einer Software. Ähnlich wie bei Satellitenkonstellationen, Unterseekabeln, Logistikzentren oder Aufklärungs-, Überwachungs- und Erkundungsnetzwerken (ISR) liegt ihr Wert für die nationale Sicherheit in Größe, Kontinuität und Kontrolle.

Der Wandel der Machtverhältnisse: Vorreiter und der Staat

Die zweite entscheidende Auswirkung von Mythos ist eher institutioneller als technischer Natur. Fortschrittliche KI-Labore verfügen inzwischen über Fähigkeiten, die Regierungen nicht ohne Weiteres nachbilden, bewerten oder gar in Echtzeit vollständig nachvollziehen können.

In der Regulierung wird traditionell davon ausgegangen, dass Regierungen bei Innovationen zunächst etwas hinterherhinken, aber letztendlich aufholen können. Diese Annahme ist nicht mehr zutreffend. Das Tempo, mit dem sich die neuesten Modelle weiterentwickeln, ist so hoch, dass die Entwicklungszyklen die Reaktionszeiten von Gesetzgebern, Regulierungsbehörden und Verwaltungsapparaten bei Weitem übersteigen. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der nicht mehr die Innovation, sondern die Governance der limitierende Faktor ist – und bislang hinkt die Governance hinterher.

Das Verhältnis zwischen Regierungen und führenden Forschungslaboren kehrt sich um. Die Staaten sind zunehmend stärker auf diese Unternehmen angewiesen als umgekehrt – allerdings nicht wegen der Einnahmen, sondern wegen der strategischen Kapazitäten. Mythos dürfte diesen Wandel weiter beschleunigen. Dadurch entsteht eine neue politische Ökonomie der KI-Governance. Forschungslabore gewinnen nicht dadurch an Einfluss, dass sie sich im Rahmen von Lobbying gegen Regulierungsmaßnahmen einsetzen, sondern indem sie sich unentbehrlich machen. Die Regierungen verlagern ihren Fokus wiederum von dem Versuch, KI zu regulieren, hin zu dem Bestreben, bevorzugten Zugang zu ihr zu erhalten. Das ist eine stille, aber tiefgreifende Veränderung.

Diese Spannung bildet den Kern meiner Argumentation zur nationalen Sicherheit: KI wird nicht mehr nur vom Staat reguliert, sondern zunehmend mit ihm ausgehandelt, während sie gleichzeitig selbst zu einem der zentralen Instrumente staatlicher Macht wird.

Die geopolitischen Folgen

Meine zentrale geopolitische Botschaft lautet nach wie vor: Der Wettbewerb zwischen den USA und China ist die zentrale Triebkraft des globalen Systems. Künstliche Intelligenz ist seit Langem ein Schauplatz des strategischen Wettbewerbs zwischen den USA und China. Bahnbrechende neue Modelle wie Mythos verschärfen diese Rivalität jedoch noch weiter. Dieser Bereich hat sich von einem abstrakten Wettlauf um technologische Vorherrschaft zu einem konkreten Wettbewerb um Vorteile im Bereich der nationalen Sicherheit gewandelt.

Infolgedessen werden Washington und Peking ihre Bemühungen wahrscheinlich verstärken, wichtige KI-bezogene Sektoren vor Abhängigkeiten von außen zu schützen. Gleichzeitig werden sie erhebliche Ressourcen in den Aufbau heimischer Kapazitäten investieren.

Dieser Druck wird sich aller Voraussicht nach nicht nur auf die Modelle selbst, sondern auch auf die Vielzahl von Input-Faktoren auswirken, die für das Training und den Einsatz von KI der nächsten Generation erforderlich sind: fortschrittliche Halbleiter, Seltene Erden und Spezialwerkstoffe, Stromerzeugung und Netzstabilität sowie die physische und digitale Infrastruktur, die umfangreiche Rechenleistungen ermöglicht. Die Verringerung der Anfälligkeit in diesen Bereichen wird immer weniger als industriepolitische Maßnahme betrachtet, sondern vielmehr als zentrales Ziel der nationalen Sicherheit.

Anlageimplikationen

Aus Anlegersicht unterstreicht der „Mythos-Moment“, dass im Bereich der KI Aufgeschlossenheit und interdisziplinäre Synthese wichtiger sind als Schwarz-Weiß-Denken. Die Auswirkungen der KI werden sich branchen- und anlageklassenübergreifend auswirken und nicht auf eine kleine Gruppe von Begünstigten beschränkt bleiben. Und sobald KI-Systeme bestimmte Leistungsgrenzen überschreiten, kann es rasch zu Arbeitsplatzverlusten, Preisänderungen und einer Neuordnung des Wettbewerbs kommen.

Hier fallen mir mehrere wichtige Anlagethemen besonders auf:

  • Die Infrastruktur ist nach wie vor von grundlegender Bedeutung. Intelligenz an sich mag zwar kostengünstiger werden, doch die Fähigkeit, sie zu generieren, zu skalieren und einzusetzen, unterliegt physikalischen Grenzen. Halbleiter, Netzwerkausrüstung, Rechenzentren, Stromerzeugung, Kühlung und Netzkapazität stellen nach wie vor Engpässe dar, und in weiten Teilen des Sektors übersteigt die Nachfrage weiterhin das Angebot.
  • Software ist nicht tot – aber sie wird neu bewertet. Der Ausblick für die Softwarebranche ist so komplex wie nie zuvor. Denn angesichts der rasanten Weiterentwicklung von KI-Modellen müssen Anleger den Endwert, die Wettbewerbsvorteile und die Nachhaltigkeit der Margen neu bewerten. Zu den Gewinnern werden vermutlich jene Unternehmen gehören, die KI nutzen, um ihren Umsatz zu steigern und ihre Margen zu erhöhen, statt KI lediglich als Abwehrargument oder als stumpfes Instrument zur Kostensenkung einzusetzen.
  • Sekundäre Effekte sind mindestens genauso wichtig wie die anfängliche Einführung. Die Nutzung von KI wird nicht nur von den technischen Möglichkeiten, sondern auch von Governance, Compliance, der Anpassungsfähigkeit der Belegschaft sowie der öffentlichen Meinung bestimmt. Auch wenn die zugrunde liegenden Technologien weiter voranschreiten, können Widerstände im Zusammenhang mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, dem Ausbau von Rechenzentren oder risikoreichen Anwendungsfällen der KI die Einführung verlangsamen.
  • Ein anhaltender Wettbewerb im Bereich der künstlichen Intelligenz auf geopolitischer Ebene wird zu noch mehr Investitionen in Themen der nationalen Sicherheit führen. Dies ist für mein übergeordnetes geopolitisches Rahmenkonzept von entscheidender Bedeutung und deutet auf eine enorme strukturelle Anlagechance hin.

Da künstliche Intelligenz zunehmend in die Informationsgewinnung, ISR, Cyberoperationen, Weltraumsysteme und die Waffenentwicklung integriert wird, wird der Wettbewerb zwischen den Großmächten die Nachfrage nach traditionellen Verteidigungsausgaben und Innovationen im Verteidigungsbereich verstärken. Dazu gehören:
softwaredefinierte militärische Systeme, Weltraum- und Satelliteninfrastruktur, Cyber-Resilienz, autonome Technologien, Logistik, Energiesicherheit sowie die dafür erforderliche industrielle Basis.

Kurz gesagt: Ich bin der Meinung, dass man KI weder als Blase noch als vorbestimmtes wirtschaftliches Schicksal betrachten sollte. Vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um eine beständige, ungleichmäßige Kraft, die die Märkte vor dem Hintergrund einer sich rasch wandelnden und zunehmend fragmentierten geopolitischen Lage neu prägt – und um einen disruptiven Faktor, der auch weiterhin differenzierte Chancen in der Investmentlandschaft schaffen wird.

Die zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind diejenigen des Autors bzw. der Autorin zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Dokuments. Andere Teams können andere Ansichten vertreten und andere Anlageentscheidungen treffen. Der Wert einer Anlage kann gegenüber dem Zeitpunkt der ursprünglichen Investition steigen oder sinken. Von externen Anbietern stammende Daten werden zwar als verlässlich erachtet, doch gibt es keine Garantie für ihre Richtigkeit. Nur für professionelle, institutionelle oder zugelassene Anleger.

Experte

mucha-thomas-6948

Thomas Mucha

Geopolitical Strategist

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den neusten Markteinblicken und Einschätzungen.

Lesen Sie mehr von unseren Experten