Eines ist mir klar geworden: Das Tempo des Wandels im Bereich der KI übersteigt bei weitem die Fähigkeit der Regierungen, durch gesetzliche oder allgemeinere regulatorische Maßnahmen Schritt zu halten.
Die meisten politischen Entscheidungsträger sind sich der strategischen Bedeutung von KI bewusst. Die meisten Regierungen erkennen, dass KI immer mehr zu einer Quelle wirtschaftlicher und geopolitischer Macht wird. Das zu erkennen, ist jedoch der einfache Teil. Schwierig wird es bei der Umsetzung.
Können Regierungen wirksame Kontrollsysteme schaffen? Können Institutionen vertrauenswürdige Rahmenbedingungen für die Umsetzung schaffen? Können Unternehmen Umbrüche verkraften und sich schnell genug anpassen? Kann die Governance mit den Möglichkeiten Schritt halten?
Über weite Strecken des letzten Jahrzehnts war bei Investitionen im Bereich der KI die Frage nach der Leistungsfähigkeit das zentrale Thema. Welches Modell ist das stärkste? Wer verfügt über die größte Rechenleistung? Wer liegt im Benchmark-Vergleich vorn?
Diese Fragen sind zwar nach wie vor von Bedeutung, aber inzwischen nicht mehr die wichtigsten.
Die sich abzeichnenden Herausforderungen sind anderer Art. Wer kann Systeme, die immer leistungsfähiger werden, verifizieren? Wer kann sie unabhängig prüfen? Wer kontrolliert den Zugang? Wer legt Standards fest? Wer regelt ihren Einsatz? Wer ist in der Lage, diese Systeme sicher in Regierungsbehörden, Unternehmen, Streitkräfte und Finanzmärkte zu integrieren?
KI ist schon lange nicht mehr nur ein technologischer Wettlauf zwischen Unternehmen. Vielmehr handelt es sich zunehmend um einen strategischen Wettbewerb zwischen Staaten. Die USA befürchten, dass eine Verlangsamung der Innovationen sie anfälliger für technologische Fortschritte Chinas machen könnte. China ist darum bemüht, seine technologische Führungsrolle zu behaupten und gleichzeitig die politische Kontrolle sowie die gesellschaftliche Stabilität zu wahren. Die Regierungen beider Länder betrachten KI zunehmend als kritische Infrastruktur. Diese Tatsache führt zu einem Spannungsfeld, dem sich keine der beiden Seiten entziehen kann: Ein zu langsames Vorgehen ist mit strategischen Kosten verbunden, doch ein zu schnelles Vorgehen birgt Risiken für die Governance, die sich als ebenso folgenschwer erweisen könnten.
Das traditionelle Argument für mehr Sicherheit bei KI lautet, dass wir das Tempo drosseln sollten, da die Risiken zunehmen. Das Argument der nationalen Sicherheit lautet, dass wir es uns nicht leisten können, das Tempo zu drosseln, da unsere strategischen Konkurrenten dies nicht tun werden.
Beide Argumente können gleichzeitig wahr sein. Und genau deshalb ähnelt KI immer mehr einer strategischen Infrastruktur als einer kommerziellen Technologie.
Für Anleger deutet dies darauf hin, dass die nächste Phase der KI ganz anders aussehen könnte als die erste. Anfänglich war es ein Wettlauf um die Entwicklung intelligenter Systeme. Das nächste Kapitel dürfte ein Wettlauf um deren Regulierung und Steuerung werden. Sollte dies zutreffen, könnten die wichtigsten Anlagechancen nicht ausschließlich bei den Entwicklern führender KI-Systeme liegen, sondern auch bei den Unternehmen, die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass KI vertrauenswürdig, sicher, skalierbar, anpassungsfähig und dauerhaft eingesetzt werden kann.