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ANLAGEPERSPEKTIVEN

US-Sonderstellung: 5 Perspektiven zu 2 Wahrheiten

5 Min. Lesezeit
2027-03-31
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Mehrere Autoren
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Adam Berger

, CFA

Multi-Asset Strategist

Wenn es um den Begriff der US-Sonderstellung oder die anhaltende Outperformance im Vergleich zu anderen Märkten geht, sind zwei Dinge wahr:

  1. Die US-Sonderstellung besteht nach wie vor
  2. Die US-Sonderstellung nimmt ab

Bevor wir dieses Paradoxon aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, möchte ich kurz einen Blick auf die Vergangenheit und dann in die mögliche Zukunft für die US-Märkte werfen.

Die Vergangenheit: Seit Jahren sind die Fundamentaldaten der US-Wirtschaft und -Unternehmen sehr gut. US-Vermögenswerte haben andere Regionen deutlich überflügelt. Die USA konnten so den Status eines „sicheren Hafens“ genießen, der der globalen Anlagewelt ein Gefühl der Ordnung gegeben hat. Darüber hinaus verzeichnete der US-Dollar (USD) lange Zeit eine starke Entwicklung, was ihn zur Weltreservewährung gemacht hat. Gleichzeitig ist seit der globalen Finanzkrise eine hohe Korrelation zwischen Risikoanlagen festzustellen. Dies bedeutet, dass sich eine Diversifizierung über verschiedene Aktienmärkte nicht unbedingt ausgezahlt hat.

Die mögliche Zukunft: Aktuell verringert sich der Unterschied zwischen den Renditen in den USA und außerhalb der USA. Der bereits erwähnte Status eines „sicheren Hafens“" ist bedroht, und die Rolle des USD als Reservewährung ist zwar nach wie vor gültig, steht aber auf dem Prüfstand. Außerdem gehen die globalen Korrelationen zwischen Risikoanlagen zurück, was für eine stärkere Portfoliodiversifizierung sprechen könnte. Die weltweite geopolitische Instabilität verschärft viele dieser Dynamiken, wie der anhaltende militärische Konflikt im Nahen Osten zeigt.

Die Märkte haben die Koexistenz dieser beiden Wahrheiten noch nicht vollständig erkannt. Die Anleger haben die möglichen Auswirkungen auf Portfolios und die potenziellen Folgen für die Renditen noch nicht berücksichtigt.

Nachfolgend teilen vier weitere Wellington-Strategen ihre Einschätzung dazu, worauf Anleger achten sollten, während sich das Paradoxon einer zwar bestehenden, aber abnehmenden US-Sonderstellung entwickelt.

Nanette Abuhoff Jacobson

Nanette Abuhoff Jacobson

Multi-Asset Strategist

In Anbetracht der beiden oben erläuterten, gleichzeitig existierenden Wahrheiten sollten Anleger meiner Meinung nach in Erwägung ziehen, sowohl auf die Stärke der USA als auch auf globale Alternativen zu setzen. An dieser Einschätzung halte ich trotz der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten fest, die zwar geopolitisch bedeutsam, aber meiner Meinung nach für die Märkte letztlich nur vorübergehend relevant sind. Ein Engagement sowohl in US-amerikanischen als auch globalen Vermögenswerten deckt sich mit dem Tenor der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres, in der er alle Länder zu Absicherungsmaßnahmen aufrief. Dies gilt natürlich vor allem für militärische und wirtschaftliche Beziehungen, eine Absicherung kann aber viele Formen annehmen. Ich betrachte dies auch als einen Aufruf an die Anleger. Anleger tun möglicherweise gut daran, ihre Portfolios in den Bereichen abzusichern, in denen sich die US-Sonderstellung unserer Meinung nach am deutlichsten verringert.

Zu den Indikatoren für eine abnehmende Sonderstellung der USA gehören der jüngste Anstieg des Goldpreises, die Fragen bezüglich der Unabhängigkeit der US-Notenbank, Herausforderungen für Souveränität(z.B. in Grönland), die schwächere Entwicklung des US-Dollar und staatliche Einmischungen in den privaten Sektor der USA. Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten nach wie vor ein Motor des weltweiten Wachstums und führend bei technologischen Innovationen, weshalb eine völlige Abkehr unklug sein könnte. Meiner Meinung nach sprechen diese beiden Wahrheiten letztlich dafür, dass Multi-Asset-Investoren nicht alles auf die USA setzen sollten.

Anlageimplikationen
Angesichts der Tatsache, dass die US-Sonderstellung fortbesteht, könnten Anleger langfristig US-Aktien, Technologie-Aktien und globale Aktien in Betracht ziehen. Kurzfristig halte ich eine Umschichtung in US-Substanzwerte, Small-Cap-Aktien und indirekte Nutznießer der KI (z.B. Anbieter von Infrastruktur oder Diensten für Rechenzentren, Metall- und Bergbauunternehmen, Versorgungsunternehmen, Gesundheitsdienstleister und Krankenhäuser sowie Vermögensverwalter mit niedrigen Bewertungen und Softwareunternehmen mit geringem Risiko einer Verdrängung) für sinnvoll.

In Anbetracht der gleichzeitig geltenden Wahrheit, dass die Sonderstellung der USA abnimmt, könnten Anleger im Rahmen ihrer Multi-Asset-Allokation auch Nicht-US-Aktien, einschließlich aus Schwellenländern, globale festverzinsliche Wertpapiere, Rohstoffe und/oder Gold, sowie Substanz- und Qualitätswerte innerhalb der USA in Betracht ziehen.

Für beide Szenarien könnten Anleger die potenziellen Möglichkeiten von sektorübergreifend aktiven Hedgefonds in Betracht ziehen, die in der Regel nicht mit den traditionellen Aktien- und Anleihemärkten korreliert sind, sowie dynamische Rentenstrategien. Angesichts potenziell attraktiver Chancen in so vielen Bereichen eines komplizierten, scheinbar widersprüchlichen Marktes könnte sich ein aktiver Ansatz als nützlich erweisen, da die Manager versuchen, die Anlagen zu finden, die dieser Dynamik standhalten können.

Andrew Heiskell

Andrew Heiskell

Equity Strategist

Aus der Perspektive des Aktienmarktes bezieht sich die US-Sonderstellung auf die bedeutende und beständige Outperformance von US-Aktien im Vergleich zum Rest der Welt seit der globalen Finanzkrise. In diesem Zeitraum haben starke Fundamentaldaten zu dieser Outperformance beigetragen, und der durchweg stärkere US-Dollar hat sich unterstützend ausgewirkt.

Bislang hat sich die Eigenkapitalrendite von US-Anlagen im Vergleich zu den anderen Industrieländern im Laufe der Zeit immer weiter vergrößert, was zu einem außergewöhnlichen Gewinnwachstum bei US-Unternehmen geführt hat. Es ist erwähnenswert, dass der Technologiesektor zwar für einen erheblichen Teil der Outperformance des US-Aktienmarktes in dieser Zeit verantwortlich war, der relative Anstieg der Gewinnmargen und des Gewinnwachstums aber ein marktweites Phänomen war. Und auch wenn die Bewertungen in den USA gestiegen sind, wurde dies durch diese bessere Entwicklung der Fundamentaldaten unterstützt und gerechtfertigt.

Die zweite Wahrheit wirft jedoch wichtige Fragen auf. Können die USA diesen Wachstums- und Renditevorsprung halten? Hat die relative Outperformance gegenüber dem Rest der Welt ihren Höhepunkt erreicht? Erreicht sie gerade ihren Höhepunkt? Es ist durchaus möglich. Der US-Aktienmarkt ist heute ganz anders als noch vor 50 Jahren. Damals waren die kapitalintensiven Fertigungs- und Industriesektoren das schlagende Herz des amerikanischen Aktienmarktes. Mit dem Aufschwung des traditionell nicht so kapitalintensiven Technologiesektors hat sich das Wachstumspotenzial exponentiell erhöht. Der rasante Anstieg der KI-bezogenen Investitionsausgaben stellt jedoch die künftige Rendite dieses investierten Kapitals infrage.

Anlageimplikationen
Wenn sich die US-Politik von der bisherigen globalen Ordnung entfernt, werden andere Länder reflexartig reagieren und ihre eigene Widerstandsfähigkeit und wirtschaftliche Stärke fördern. Die bestehenden Korrelationen an den globalen Aktienmärkten werden sich wahrscheinlich auflösen, was die Streuung erhöht und potenzielle Chancen für auf die Titelauswahl spezialisierte Investoren schafft. Im Technologiesektor wird KI die Kapitalintensität bei den etablierten Unternehmen erhöhen. Einige Unternehmen könnten sich hier geschickt anpassen, während andere möglicherweise ins Straucheln geraten.

Beide Dynamiken sprechen für einen aktiven Ansatz bei Aktien. Durch die Flexibilität eines aktiven Ansatzes sind Anleger besser in der Lage, die durch eine erhöhte Streuung bedingten Chancen zu nutzen und Unternehmen oder Sektoren zu vermeiden, die angesichts des aktuellen Marktumfelds an Relevanz verlieren.

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Amar Reganti

Fixed Income Strategist

Für mich ist das Thema der US-Sonderstellung sehr stark mit dem USD und dem US-Staatsanleihemarkt verknüpft. Der allgemeine Trend war im letzten Jahr ein allmählicher Rückgang des USD, was den Status Quo untergräbt, den die meisten Anleger seit der globalen Finanzkrise erlebt haben.

Allerdings gibt es auch beim USD zwei unterschiedliche Wahrheiten. Der Status des USD als Weltreservewährung wird durch die weltweit größten und liquidesten Finanzmärkte, ein großes Angebot an sicheren Vermögenswerten in Form von US-Staatsanleihen, eine starke institutionelle Glaubwürdigkeit und eine etablierte globale Verwendung im Handel, bei Rohstoffen und in der Finanzinfrastruktur gestützt. Gleichzeitig wurden die Infrastruktur und die Grundlagen für zukünftige multilaterale Währungsvereinbarungen geschaffen.

Anlageimplikationen
Angesichts dieser Dynamik könnten Rentenanleger in Erwägung ziehen, außerhalb der USA über die traditionellen weltweiten Anleihemärkte oder dynamischere Hedgefonds-Allokationen in globale Staatsanleihe- und Währungsstrategien zu diversifizieren. Eine weitere Möglichkeit sind Schwellenländeranleihen in Lokalwährung, die 2025 ein hervorragendes Jahr hatten und Anlegern mit Renditefokus helfen könnten. Allerdings sollten Anleger, die sich für eine Allokation in dieses Segment entscheiden, dies aufgrund der Fundamentaldaten und der Rendite tun – und nicht nur, um von der USD-Schwäche zu profitieren. Angesichts der Ungewissheit und Sorgen in diesem Bereich würde ich Anleger auf jeden Fall ermutigen, anpassungsfähige, aktiv verwaltete Ansätze in Betracht zu ziehen.

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Thomas Mucha

Geopolitical Strategist

Es ist kein Zufall, dass die US-Sonderstellung mit einer Phase der geopolitischen Dominanz der USA zusammengefallen ist. Jahrelang waren die USA in Bezug auf Infrastruktur, militärische Stärke und diplomatische Macht weltweit führend – diese Stabilität verschaffte den US-Finanzmärkten Spielraum für Wachstum und eine bessere Performance als die ihrer globalen Pendants.

Wir befinden uns nun mitten im Übergang von einem relativ stabilen geopolitischen Zyklus zu einem Zyklus, der von Turbulenzen und Unsicherheit geprägt ist. Es gibt kein deutlicheres Beispiel als den jüngsten Konflikt im Nahen Osten. Diese Ereignisse werden wahrscheinlich die globale Fragmentierung und den Konflikt verschärfen, den politischen Zusammenhalt verringern und die Konzentration der globalen Politik auf Fragen der nationalen Sicherheit weiter verstärken.

Zu dieser geopolitischen Verschiebung kommen noch mehrere andere Überlegungen hinzu. Der Wettstreit zwischen den Großmächten USA und China bedroht die globale Vormachtstellung der USA. Weltweit gibt es eine noch nie dagewesene Anzahl aktiver Konflikte, von denen viele in klimaanfälligen Regionen stattfinden. Die Lieferketten verlagern sich, und als Folge all dieser Faktoren ist das Marktrisiko heute strukturell höher.

Anlageimplikationen
Geopolitische Zyklusänderungen, wie wir sie heute erleben, kommen nur einmal pro Jahrhundert vor und sind in der Regel von großer Tragweite. Mit diesen Veränderungen ergeben sich aber auch immer wieder neue Gelegenheiten, Portfoliogewinner und -verlierer zu suchen. Unserer Ansicht nach sind diejenigen Anleger am besten positioniert, um diese Chancen zu erkennen, die sich weniger auf Schlagzeilen und Tweets und mehr auf beobachtbare Signale und strukturelle Veränderungen konzentrieren.

Der Wettstreit zwischen den Großmächten und die sich verändernden Lieferketten stützen mehrere interessante Anlagethemen an den privaten und öffentlichen Märkten. Dazu gehören Verteidigung und Verteidigungstechnologie, kritische Mineralien und Seltene Erden, Biotechnologie, Cyberabwehr sowie Klima- und Energieresilienz. Wir werden wahrscheinlich auch eine größere Streuung auf regionaler, Länder-, Vermögensklassen-, Branchen- und Unternehmensebene erleben – Bedingungen, die sich gut für aktives Management eignen.

Die zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind diejenigen der Autoren zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Dokuments. Andere Teams können andere Ansichten vertreten und andere Anlageentscheidungen treffen. Der Wert einer Anlage kann gegenüber dem Zeitpunkt der ursprünglichen Investition steigen oder sinken. Von externen Anbietern stammende Daten werden zwar als verlässlich erachtet, doch gibt es keine Garantie für ihre Richtigkeit. Nur für professionelle, institutionelle oder zugelassene Anleger.

Experten

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Adam Berger

, CFA

Multi-Asset Strategist
Nanette Abuhoff Jacobson

Nanette Abuhoff Jacobson

Multi-Asset Strategist
Andrew Heiskell

Andrew Heiskell

Equity Strategist
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Amar Reganti

Fixed Income Strategist
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Thomas Mucha

Geopolitical Strategist

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