Das Private-Credit-Segment ist mit gewohnter Dynamik ins Jahr 2026 gestartet: Die Nachfrage seitens der Anleger ist weiterhin hoch, das Anlageuniversum wächst und die Bedeutung in institutionellen Portfolios nimmt zu. Dennoch brachte das erste Halbjahr auch eine spürbare Veränderung der Marktstimmung mit sich. Schlagzeilen über Rücknahmen aus semi-liquiden Fonds, Zahlungsausfälle und vereinzelte Anzeichen von Zahlungsschwierigkeiten bei Kreditnehmern haben die Wahrnehmung von Private Credit als durchgehend widerstandsfähige und kontinuierlich wachsende Anlageklasse infrage gestellt.
Wir sind aber der Ansicht, dass diese Entwicklungen die langfristigen Argumente für Private-Credit-Anlagen nicht untergraben. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass sich der Markt von einer Phase rasanten Wachstums und allgemeiner Begeisterung – vor allem im Unternehmenssektor – zu einem reiferen und differenzierteren Ökosystem entwickelt. Dieses ist gekennzeichnet durch striktere Prüfungen, eine größere Streuung, eine Diversifizierung über verschiedene Sicherheitenarten hinweg sowie eine stärkere Fokussierung auf die Kompetenz der Manager.
Einige der strukturellen Themen, die den Private-Credit-Markt prägen, sind nicht neu. Das Anlageuniversum erweitert sich über die direkte Kreditvergabe hinaus, Emittenten prüfen öffentliche und private Finanzierungsalternativen, und Banken werden zu immer wichtigeren Partnern für Private-Credit-Manager. Ein Unterschied im Jahr 2026 ist, dass sich diese Trends deutlicher im Marktverhalten, in den Underwriting-Ergebnissen und in der Entwicklung des breiteren Credit-Ökosystems widerspiegeln.
Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte 2026 lautet die zentrale Frage nicht, ob Private-Credit-Anlagen attraktiv bleiben werden. Vielmehr geht es darum, wie Anleger sich in einem Markt zurechtfinden sollten, der breiter, spezialisierter und stärker von Streuung geprägt ist und in dem die Ergebnisse zunehmend von der Bewertung des relativen Wertschöpfungspotenzials, der Breite der Investitionsmöglichkeiten, der Disziplin im Underwriting und dem Zugang zu Liquiditätsinstrumenten bestimmt werden.
Thema 1: Die Vernetzung zwischen öffentlichem und privatem Sektor verändert das Anlageuniversum
Die zunehmende Vernetzung der öffentlichen und privaten Kreditmärkte zeigt, wie sich das Anlageuniversum weiterentwickelt. Emittenten prüfen zunehmend parallel verschiedene Finanzierungsalternativen und wägen dabei die Sicherheit der Umsetzung, die Kapitalkosten, die Flexibilität bei der Strukturierung, die Anforderungen an die Dokumentation sowie den langfristigen Finanzierungsbedarf unter Berücksichtigung eines breiteren Spektrums an öffentlichen, privaten und von Banken bereitgestellten Kapitalquellen ab.
Die Finanzierung von Rechenzentren ist ein anschauliches Beispiel für dieses breit gefächerte Instrumentarium, das Kreditnehmern zur Verfügung steht. Eine von Wellington durchgeführte Analyse von PitchBook-Daten ergab 330 Finanzierungstransaktionen für Rechenzentren im Zeitraum von Januar 2024 bis Juni 2026. Gemessen an der Anzahl der Transaktionen entfiel jeweils etwa ein Drittel der Aktivitäten auf Banken und öffentliche Märkte. Auf Private Credit entfiel etwa ein Viertel und auf gemischte Quellen 10%.