Die Risikoprämie für Ölpreise steigt wieder an.
Nach einer teilweisen Erholung des Tankerverkehrs während der kurzen Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran ist der Verkehr in der Straße von Hormus nun wieder stark beeinträchtigt. Unsere Untersuchungen zu Tankerbewegungen zeigen, dass die implizierten Transportströme durch die Meerenge auf Vier-Wochen-Basis bei etwa einem Viertel ihres Vorkrisenniveaus liegen, wobei sich die jüngsten wöchentlichen Daten nach einem leichten Anstieg im Juni verschlechtert haben.
Umgeleitete Lieferströme in Saudi-Arabien über die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer tragen zwar dazu bei, einen Teil dieser Engpässe auszugleichen. Doch obwohl diese Pipelines nahezu voll ausgelastet sind, liegen die Netto-Seeexporte aus der Golfregion weiterhin um mehrere Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorkriegsniveau. Zudem gefährdet eine mögliche Eskalation durch die Huthi-Miliz im Roten Meer diesen wichtigen Ausgleichsmechanismus. Diese Faktoren verdeutlichen die Realität, mit der sich der Energiemarkt und die Weltwirtschaft konfrontiert sehen: Es gibt keinen Ersatz für die Straße von Hormus.
Die Lagerbestände zeichnen aus einer anderen Perspektive ein ähnliches Bild. Die kommerziellen Bestände liegen nach einem der stärksten Quartalsrückgänge der jüngeren Geschichte rund 6-7% unter ihrem Fünfjahresdurchschnitt. Allerdings hat der Druck auf die kommerziellen Lagerbestände in den letzten Wochen nachgelassen, was vor allem auf erhebliche Entnahmen aus den strategischen Erdölreserven zurückzuführen ist. Auch die Lagerbestände an US-Produkten sind trotz der jüngsten Entnahmen insgesamt gestiegen. Eine Stabilisierung bedeutet aber noch keinen Wiederaufbau der Reserven. Angesichts knapper Sicherheitspuffer können geopolitische Risiken einen überproportionalen Einfluss auf die Preisbildung haben, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Instabilität im Russland-Ukraine-Konflikt sowie direkter Angriffe auf russische Dieselexporte und diesbezüglicher Exportbeschränkungen.
Aus Marktsicht könnte sich der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl in den nächsten sechs Wochen am kurzen Ende der Ölpreiskurve in einer Spanne von 90 bis 100 US-Dollar bewegen. Diese Einschätzung vertreten wir mit moderater Überzeugung, da wir uns bewusst sind, wie schnell sich die Lage ändern kann. Sollten sich die Lieferströme durch die Straße von Hormus deutlich erholen oder sollte eine echte Deeskalation einsetzen, würde sich der geopolitische Risikoaufschlag verringern, und wir würden erwarten, dass die Brent-Preise wieder in den mittleren 70-US-Dollar-Bereich zurückfallen. Ebenso könnte eine anhaltende Schließung oder eine Eskalation des Konflikts die kurzfristigen Preise über 110 US-Dollar pro Barrel treiben – ein Niveau, bei dem die Märkte in der Vergangenheit deutlich empfindlicher auf Ölpreise reagiert haben. Angesichts der sich rasch verändernden Lage in der Region betrachten wir beide Szenarien als realistische Alternativen zu unserer kurzfristigen Einschätzung.