Ein anhaltender Energieschock dürfte den Glaubwürdigkeitsverlust weiter beschleunigen
Bislang besteht die Gefahr, dass die Reaktion der Zentralbanken der Industrieländer auf den Konflikt die Inflationserwartungen noch weiter von den Zielvorgaben entkoppelt. Die anfänglich restriktive Rhetorik ist einer abwartenden Haltung gewichen. Durch diesen Ansatz könnte eine unnötige Straffung der Geldpolitik vermieden werden, sofern die Löhne nicht anziehen. Steigen die Löhne jedoch, bedeutet dies effektiv, dass die Zentralbanken hinter der Kurve zurückzubleiben würden. Zudem würde es noch schwieriger werden, mögliche Zweitrundeneffekte auf die Löhne zu bekämpfen.
Auf fiskalpolitischer Ebene hat der Konflikt zu einer weiteren Verschlechterung der erwarteten Schuldenentwicklung der Länder geführt. Einerseits ist dies auf höhere Zinsen, andererseits aber auch auf die zunehmende Wahrscheinlichkeit weiterer umfangreicher Konjunkturmaßnahmen im Zuge der anhaltenden Krise zurückzuführen. Im Vergleich zu 2022 wurden bislang nur begrenzt fiskalpolitische Maßnahmen zur Abfederung des Energieschocks ergriffen. Doch nun beginnen einige Länder damit, Energiepreisobergrenzen oder -senkungen einzuführen (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts waren dies Japan, Schweden und Deutschland).
Zunehmende Reaktion des Marktes
Der seit Beginn der Pandemie zu beobachtende Verlust an Glaubwürdigkeit der politischen Entscheidungsträger in Bezug auf Inflation und Haushaltspolitik ist ein sich nur langsam entwickelndes Thema, das unserer Ansicht nach aber zunehmend von den Anleihe- und Devisenmärkten eingepreist wird. Die Länder, in denen die mittelfristigen Inflationserwartungen am stärksten über das Zielniveau hinausschießen, weisen aktuell die steilsten Zinsstrukturkurven für zehn- und dreißigjährige Anleihen auf. Zudem besteht ein sehr starker umgekehrter Zusammenhang zwischen der Steilheit der Zinsstrukturkurven und der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung: Je weniger tragfähig die Entwicklung der öffentlichen Finanzen ist, desto steiler ist die Kurve. In Japan, das die wohl am wenigsten geeignete Geldpolitik betreibt und einige der problematischsten Kennzahlen zur Staatsverschuldung aufweist, waren sowohl am langen Ende der Kurve als auch bei der Währung besonders starke Schwankungen zu beobachten.
Konkrete Implikationen für Anleger
Für Anleger bedeutet dies, dass die Glaubwürdigkeit der Politik von Regierungen und Zentralbanken einerseits zu einer immer wichtigeren Risikoquelle wird, andererseits aber auch eine Quelle für Renditepotenzial darstellt – insbesondere in Ländern mit besonders schwierigen Rahmenbedingungen. In dieser Hinsicht sind besonders Japan, das Vereinigte Königreich, Frankreich und die USA im Blick zu behalten.
Die 1970er Jahre haben gezeigt, dass der Verlust der Kontrolle über die Inflation und die Glaubwürdigkeit der Fiskalpolitik im Extremfall zu einer sehr viel breiter basierten relativen Underperformance von Vermögenswerten führen kann. Länder wie das Vereinigte Königreich haben während der ersten Ölkrise im Jahr 1974 dem nominalen Wachstum Priorität vor einer stabilen Inflationsrate eingeräumt. Dies führte zwar zu einem außergewöhnlich starken nominalen Wachstum. Da dieses Wachstum aber größtenteils auf eine beschleunigte Inflation zurückzuführen war, verzeichnete das Vereinigte Königreich immer noch die schlechteste Performance bei Risikoanlagen, die höchsten Anleiherenditen und die schwächste Währung. Ein stärkeres nominales Wachstum ist bei moderater Inflation in der Regel vorteilhaft für Risikoanlagen. Dies ändert sich jedoch, wenn die Inflation stark anzieht. In den 1970er Jahren mussten Länder wie Deutschland, die eine straffere Geldpolitik verfolgten, zwar zunächst größere wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, konnten letztlich jedoch eine stärkere Wertentwicklung ihrer Vermögenswerte verzeichnen.
Auch wenn die aktuelle Situation noch weit von der Tragweite des Ölschocks vor 50 Jahren entfernt ist, würde das Risiko eines erneuten Auftretens dieser Dynamik steigen, sollte sich der aktuelle Konflikt als deutlich langwieriger erweisen als vom Markt derzeit erwartet.