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ANLAGEPERSPEKTIVEN

Wie KI, Stagflationsrisiken und Private-Credit-Trends neue Chancen an den Credit-Märkten eröffnen

8 Min. Lesezeit
2027-05-31
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Mahmoud El-Shaer, CFA, Fixed Income Portfolio Manager
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Die Credit-Märkte treten im Jahr 2026 in eine zunehmend komplexe Phase ein, da das bislang günstige Umfeld einer erhöhten geopolitischen Unsicherheit, sich verändernden Inflationsdynamiken und einer zunehmend kritischen Auseinandersetzung mit strukturellen Veränderungen wie KI und Private-Credit-Trends weicht. Diese Entwicklungen führen zwar zu einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen und zu größerer Unsicherheit, eröffnen nach einer Phase historisch enger Spreads aber auch wieder attraktivere Anlagemöglichkeiten. Infolgedessen konzentrieren sich die Kunden zunehmend auf den Umgang mit diesen Entwicklungen, um ein effektives Risikomanagement und eine gezielte Portfoliopositionierung zu unterstützen.

Aus meiner Sicht sind im aktuell vorherrschenden Umfeld drei wesentliche Faktoren zu beobachten, die die Credit-Märkte prägen:

  • Der Iran-Konflikt erhöht das Risiko einer Stagflation
  • Investitionen in KI steigern das Angebot und eröffnen Chancen im Credit-Bereich, bei einer gleichzeitig zunehmenden Streuung
  • Bestimmte Bereiche des Private-Credit-Marktes werden immer mehr zu einer Quelle wachsender Unsicherheit

Ein sich wandelndes Credit-Umfeld

Zu Beginn des Jahres 2026 zeichneten sich die Credit-Märkte durch solide Fundamentaldaten und historisch enge Spreads aus. Dies wurde durch ein robustes Wachstum, eine intakte Verbrauchernachfrage, einen sich beschleunigenden, KI-getriebenen Investitionszyklus sowie nach wie vor lockere finanzielle Rahmenbedingungen gestützt. Seitdem hat sich das Umfeld aufgrund einer Vielzahl von Faktoren verändert. Dazu zählen die geopolitische Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt, erneute Stagflationsängste infolge des Energieschocks sowie eine zunehmend kritische Betrachtung der durch künstliche Intelligenz verursachten Umwälzungen und des Private-Credit-Marktes. Zwar ist die Unsicherheit gestiegen, doch haben verbesserte Bewertungen das Chancenprofil wieder erweitert, das in den vergangenen Monaten unter Druck gestanden hatte.

Der Iran-Konflikt erhöht das Risiko einer Stagflation

Der Iran-Konflikt stellt einen stagflationären Impuls dar – vor allem aufgrund höherer Energiepreise und deren Auswirkungen auf die Inflationserwartungen sowie die Geldpolitik. Als Reaktion darauf dürften die Zentralbanken weitere Lockerungsmaßnahmen zunächst einmal zurückstellen. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte angesichts ihres Inflationsmandats und der Erfahrungen aus dem Jahr 2022 sogar eine erneute Straffung in Betracht ziehen. Auch wenn wir in unserem Basisszenario weiterhin davon ausgehen, dass eine weltweite Rezession vermieden werden kann, wird dieses Umfeld voraussichtlich zu einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen führen und das bisher günstige Umfeld für die Credit-Märkte schwächen. Wir gehen davon aus, dass diese Bedingungen zu einer stärkeren Streuung an den Credit-Märkten führen werden.

Investitionen in KI steigern das Angebot und eröffnen Chancen im Credit-Bereich, bei einer gleichzeitig zunehmenden Streuung

Trotz des Iran-Konflikts ist und bleibt KI der wichtigste langfristige Faktor, der sowohl Chancen als auch Risiken im Credit-Bereich prägt. Wir betrachten die zunehmende Nutzung künstlicher Intelligenz als mehrjährigen gesamtwirtschaftlichen Prozess, der sich in mehreren Phasen vollzieht. Die Analysen unseres Technologieteams deuten darauf hin, dass allein der Ausbau der Infrastruktur bis 2030 zu einer weltweiten Rechenzentrumskapazität von bis zu 331 GW führen könnte. Dies würde kumulierte Investitionsausgaben in Höhe von rund 18 Bio. USD im gesamten Rechenzentrums-Ökosystem erfordern, wobei der Großteil davon auf die USA entfallen würde. Der Ausbau des KI-„Compute-Stack“, zu dem Rechenzentren, Stromversorgung sowie Netzwerk- und Hyperscaler-Infrastruktur gehören, ist bereits heute ein bedeutender Motor für das Wirtschaftswachstum, was sich an seinem Beitrag zum US-Wachstum im Jahr 2025 erkennen lässt. Auf Sektorebene fördert dieser Investitionszyklus das Wachstum in den Bereichen Technologie, Versorgung und Elektrogeräte sowie in ausgewählten Segmenten des Immobilienbereichs.

Es wird erwartet, dass sich der Einsatz von KI im Laufe der Zeit auf die gesamte Wirtschaft ausweiten wird, insbesondere im Dienstleistungssektor. Es besteht Potenzial, die jährliche Produktivität um etwa 1% zu steigern. Allerdings können die Ergebnisse je nach Umfang der Automatisierung sehr unterschiedlich ausfallen. Die Auswirkungen auf die Inflation dürften sich im Laufe der Zeit verändern: Kurzfristige Infrastrukturinvestitionen könnten den Inflationsdruck verstärken, indem sie die Lieferketten in ohnehin angespannten Volkswirtschaften zusätzlich belasten. Eine breitere Einführung könnte hingegen letztendlich die Kostenstrukturen, die Arbeitsmarktdynamik und die Preissetzungsmacht von Grund auf neu gestalten.

Was KI für Credit-Anleger bedeuten könnte

Aus Sicht des Credit-Marktes sorgt der Investitionszyklus im Bereich der künstlichen Intelligenz für einen anhaltenden und erheblichen Finanzierungsbedarf, der zunehmend über öffentliche Anleihenmärkte gedeckt wird. Die sehr umfangreichen und häufigen Emissionen von Emittenten mit hoher Krediqualität haben dazu geführt, dass die Anleger wieder deutliche Aufschläge bei Neuemissionen fordern. Gleichzeitig bieten projektbezogene und besicherte Finanzierungsstrukturen Anlegern, die in der Lage sind, mit komplexeren Strukturen umzugehen, zusätzliche relative Bewertungschancen.

Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass die zunehmende Kapitalintensität von Geschäftsmodellen sowie die steigende Verschuldung zu selektiveren Anlagemöglichkeiten führen. Wir bevorzugen Unternehmen mit diversifizierten Einnahmequellen und starken Managementteams. Diese sind unserer Meinung nach besser gerüstet, um mit den Unsicherheiten im Hinblick auf technologische Entwicklungen und Kapitalrenditen umzugehen.

Das Ausmaß der erwarteten Emissionen dürfte zudem die Marktstrukturen und technischen Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Insbesondere gehen wir davon aus, dass auf Emittenten aus dem Technologiesektor ein größerer Anteil an den Indizes für Unternehmensanleihen entfallen wird – vor allem an USD-Märkten. Zudem rechnen wir damit, dass ein anhaltend hohes Angebot im Laufe der Zeit zu einer Normalisierung der Spreads, einer größeren Streuung zwischen Emittenten und steileren Kreditkurven beitragen wird.

Auch außerhalb des Infrastruktursektors eröffnet KI Chancen – und Risiken – für etablierte Unternehmen, die mit Umbrüchen konfrontiert sind. Zu den Reaktionen der Unternehmen auf diese Unsicherheit können Veränderungen bei der Kapitalallokation gehören, beispielsweise eine verstärkte Fremdfinanzierung von Investitionen, Fusionen und Übernahmen oder Aktienrückkäufe. Diese Dynamik könnte zu umfangreichen Finanzierungsprogrammen an den Anleihemärkten führen und Chancen eröffnen – vorausgesetzt, die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle verfügen über tragfähige Wettbewerbsvorteile.

Mit der zunehmenden Verbreitung von KI-Technologien in der gesamten Wirtschaft könnten sich ganze Branchen mit möglichen Disruptionsrisiken konfrontiert sehen. Die jüngsten Entwicklungen in der Softwarebranche zeigen, wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Angesichts der Fortschritte bei den Fähigkeiten von KI-Modellen werden SaaS (Software as a Service)-Geschäftsmodelle inzwischen ernsthaft infrage gestellt. Die erhebliche Unsicherheit hinsichtlich des langfristigen Werts von SaaS-Unternehmen, getrieben durch Zweifel in Bezug auf Wachstumsannahmen, Preissetzungsmacht sowie das Auftreten neuer Wettbewerber, hat zu einer deutlichen Neubewertung an den Aktienmärkten und einem entsprechenden Anstieg der Kreditrisikoprämien geführt. In diesem Zusammenhang ist es von entscheidender Bedeutung, Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen zu identifizieren. Im SaaS-Bereich können solche Wettbewerbsvorteile etwa auf dem Besitz und der Kontrolle unternehmenseigener Daten, einer tiefen Kundenintegration und einer starken Position innerhalb eines spezifischen Marktsegments beruhen. Diese Selektivität ist der Schlüssel, um Emittenten mit zunehmendem Abwärtsrisiko zu vermeiden.

Bestimmte Bereiche des Private-Credit-Marktes werden immer mehr zu einer Quelle wachsender Unsicherheit

Darüber hinaus stellen Teile des Private-Credit-Marktes, insbesondere die Direktkreditvergabe (Direct Lending), eine weitere Quelle der Unsicherheit dar. Das rasante Wachstum, die lockeren Kreditvergabekriterien sowie mangelnde Bewertungstransparenz, insbesondere in KI-exponierten Sektoren wie der Softwarebranche – haben börsennotierte Emittenten mit Verbindungen zum Private-Credit-Markt belastet. Das gilt beispielsweise für Business Development Companies (BDCs) und Versicherer. Das konzentrierte Engagement in Sektoren, die von möglichen Umwälzungen durch KI betroffen sind, sowie die zunehmenden Rücknahmeanträge von Privatanlegern in Private-Credit-Fonds haben die Besorgnis über einen beginnenden Kreditzyklus in bestimmten Segmenten des Private-Credit-Marktes verstärkt.

Wir sehen Private Credit generell als ein breit gefächertes Spektrum von Märkten mit unterschiedlichen Risikoprofilen. Dabei ist die Dynamik im Direct-Lending-Bereich nicht repräsentativ für die gesamte Anlageklasse. Zwar sehen wir Anfälligkeiten im Zusammenhang mit Refinanzierungsrisiken, mangelnder Bewertungstransparenz und potenziell konzentrierten Anlegerstrukturen. Wir halten die Risiken im Private-Credit-Bereich jedoch nicht für systemisch, da die Verschuldungsniveaus im Allgemeinen moderat sind und das Risiko für das Bankensystem überschaubar bleibt. Angesichts der wichtigen Rolle, die Private Credit in den letzten Jahren bei der Stützung des Kreditzyklus, insbesondere bei Unternehmensanleihen mit einem Rating unter Investment Grade, gespielt hat, könnten Spannungen in diesem Segment jedoch zu verschärften Finanzierungsbedingungen, strengeren Kreditvergabestandards und einer erhöhten Streuung an den öffentlichen Kreditmärkten führen.

Der Ausblick für Credit-Anlagen

Die Credit-Märkte sehen sich zwar derzeit mit erhöhter Unsicherheit und einer Reihe von Risiken konfrontiert, dieses Umfeld bietet aber auch Chancen. Sofern kein Extremszenario eintritt, bei dem der Iran-Konflikt eine weltweite Rezession auslöst, erwarten wir, dass die Konjunktur stabil bleibt und sich der Kreditzyklus – gestützt durch ein solides nominales BIP-Wachstum – fortsetzt. Wir gehen davon aus, dass sich die Spreads in einer breiteren Spanne bewegen werden als zuletzt. Einerseits wirken sich ein höheres Angebot und Disruptionsrisiken belastend aus, andererseits werden sie durch solide Fundamentaldaten in einem Umfeld mit hohem nominalem Wachstum und anhaltender Renditenachfrage gestützt. In diesem Umfeld führen höhere Gesamtrenditen, eine größere Streuung und ein aktiverer Primärmarkt zu einem besseren Risiko-Rendite-Profil für disziplinierte Anleger in diesem Bereich.

Implikationen für aktive Anleger

Meiner Meinung nach sollten Anleger hier den Schwerpunkt auf stabile Cashflows und Fundamentaldaten legen. Dabei würde ich den Fokus auf attraktive Einstiegsmöglichkeiten legen, die sich aus technischem Druck und nicht aus einer Verschlechterung der Kreditqualität ergeben. Besonders attraktives Wertschöpfungspotenzial sehe ich bei Anleihen mit kurzen bis mittleren Laufzeiten sowie in den Sektoren Banken, Telekommunikation und Versorger. In Bezug auf zyklischere Bereiche bin ich hingegen zurückhaltender.

Auf regionaler Ebene bieten auf Euro lautende Credit-Anlagen attraktive lokale bzw. währungsgesicherte Renditen, und wir gehen davon aus, dass sie sich in einem Szenario mit KI-bedingten Umbrüchen defensiver entwickeln werden. Wir halten den Primärmarkt für eine besonders attraktive Möglichkeit zum Aufbau von Positionen. Dies wird durch die Rückkehr solider Neuemissionsprämien sowie die Wahrscheinlichkeit gestützt, dass im Laufe der Zeit eine verstärkte Streuung in den Sekundärmärkten eingepreist wird.

Die zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind diejenigen des Autor bzw. der Autorin zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Dokuments. Andere Teams können andere Ansichten vertreten und andere Anlageentscheidungen treffen. Der Wert einer Anlage kann gegenüber dem Zeitpunkt der ursprünglichen Investition steigen oder sinken. Von externen Anbietern stammende Daten werden zwar als verlässlich erachtet, doch gibt es keine Garantie für ihre Richtigkeit. Nur für professionelle, institutionelle oder zugelassene Anleger.

Experte

mahmoud el shaer

Mahmoud El-Shaer

, CFA

Fixed Income Portfolio Manager

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