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Anlageperspektiven

Europäische Aktien: Zeit für eine Neubewertung?

6 Min. Lesezeit
2027-02-28
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Kernaussagen 

  • Die europäische Wirtschaft stagniert bereits seit Jahren, weshalb viele Anleger die Region in ihren Portfolios untergewichtet haben.
  • Unseres Erachtens sind die strategischen Argumente für eine Umschichtung von Kapital nach Europa zwar relativ klar, kürzerfristig gibt es aber weiterhin Bedenken. 
  • Einige Anzeichen für greifbare Fortschritte ermutigen uns aber, darüber nachzudenken, was eigentlich für Europa in die richtige Richtung laufen könnte.
  • Unser Fazit? Es ist nach wie vor Vorsicht angebracht, aber selbst begrenzte Verbesserungen könnten angesichts der gedämpften Marktstimmung Aufwärtspotenzial bedeuten. Japan liefert ein vielversprechendes Beispiel für solch ein Szenario.
  • Wir sehen zudem interessante Anlagechancen für aktive Investmentansätze, die sich auf die voraussichtlichen Gewinner des sich beschleunigenden Umfeldwechsels in Europa konzentrieren.

Die Anleger sind in Bezug auf Europa bestenfalls zurückhaltend eingestellt. Europäische Aktien haben zwar 2025 eine Outperformance gegenüber dem US-Markt gezeigt, die Anlegerstimmung ist insgesamt aber eher negativ, da Europa immer wieder für Enttäuschungen gesorgt hat. Diese enttäuschten Hoffnungen sollten Anleger unseres Erachtens aber nicht davon abhalten, darüber nachzudenken, was positiv laufen könnte und was dies für ihre Portfoliopositionierung bedeuten würde. Aus Multi-Asset-Perspektive gliedern sich die Anlageargumente für Europa in zwei Komponenten:

  1. Die Region bietet eine Gelegenheit, Anlagen gegenüber einem zu konzentrierten US-Markt zu diversifizieren und einige der mit einer Schwächung des institutionellen Rahmens in den USA einhergehenden Risiken abzusichern.
  2. Das Umfeld verbessert sich allmählich nach einer langen Phase mit unterdurchschnittlichem Wachstum und zaghaften Anzeichen, dass Europa jetzt es ernst meinen könnte mit der Umsetzung lange verzögerter Reformen. 

Die Risiken sind aber nicht verschwunden. Im Gegenteil, Europa ist nach wie vor in verschiedenen Bereichen anfällig. Insgesamt zeigt sich aber ein positiveres Bild.

Umfeldwechsel

Für einen Großteil des letzten Jahrzehnts wurde die Entwicklung in Europa durch die Erwartung sinkender Preise geprägt. Das Wachstum war schwach, die Fiskalpolitik restriktiv und die Unternehmen konzentrierten sich in der Regel auf die Sanierung ihrer Bilanzen anstelle von Wachstum. Hieraus entstand eine sich selbst verstärkende Dynamik, die das Vertrauen belastete.

Die aktuelle Phase unterscheidet sich dadurch, dass wir nicht nur eine Zyklusverbesserung beobachten, sondern auch einen sich beschleunigenden Umfeldwechsel

  • Einige südeuropäische Länder scheinen den schwierigsten Teil der Anpassungsphase nach der Eurokrise hinter sich gebracht zu haben und liegen nun in Sachen Wachstum vorne. 
  • Längerfristig zwingt die sich abschwächende Globalisierung Europa dazu, seine Abhängigkeit von exportgetriebenem Wachstum zu reduzieren und die Binnenwirtschaft zu stärken. Dieser Wandel könnte neue Anlagechancen für europäische Unternehmen schaffen.
  • Gleichzeitig liegt der Fokus für den gesamten Kontinent nicht mehr allein auf einer restriktiven Fiskalpolitik. Der Richtungswechsel Deutschlands ist dabei von großer Bedeutung und spiegelt einen breiteren europäischen Trend zu sicherheits-, infrastruktur- und produktivitätsbezogenen Investitionen wider. Verteidigung, Energiesicherheit, Stromnetze und strategische Branchen sind keine Randthemen mehr – sie werden zu politischen Prioritäten. Diese Veränderung ist bedeutsam, da sie das nominale Wachstum und die Preissetzungsmacht unterstützt. Die zugrunde liegende Dynamik lässt derweil darauf schließen, dass sich die Inflation um 2% herum stabilisiert, während die robuste Finanzlage privater Haushalte und niedrige Arbeitslosenquoten Aufwärtspotenzial für die Binnennachfrage bedeuten.

Der zyklische Ausblick für die Eurozone verbessert sich weiterhin schrittweise. Die Wachstumsindikatoren steigen dank relativ günstiger Finanzierungsbedingungen und einer expansiveren Fiskalpolitik. Externe Negativfaktoren – insbesondere US-Handelszölle und -Drohungen in Bezug auf Grönland, der anhaltende Krieg in der Ukraine und die chinesische Handelspolitik – stellen zwar nach wie vor eine Belastung dar, diese ist aber bislang zu bewältigen. Außerdem werden (wenn auch immer noch zu langsam) Fortschritte bei der Beseitigung einiger struktureller Ineffizienzen gemacht, die Europa ausbremsen. 

Normalisierung der Bankenlandschaft

Dieser Umfeldwechsel vollzieht sich vor dem Hintergrund einer Erholung der europäischen Bankenbranche. Europäische Banken wurden durch die globale Finanzkrise und die anschließende Eurokrise hart getroffen, mit massiven Auswirkungen auf die breitere Wirtschaft aufgrund der Rolle der Banken als zentraler Finanzierungskanal auf dem Kontinent. Jetzt sind sie dagegen Vorboten eines allmählichen Umschwungs in Europa. Dies spiegelt ein stabileres makroökonomisches Umfeld wider, in dem sich die Kreditvergabe erholt, die Zinsen gesenkt wurden, aber noch weit von den niedrigen Niveaus der 2010er Jahre entfernt sind, und die Binnenkonjunktur anzieht.

Produktivitätssteigerungen dank KI

Europa hinkt beim Wettlauf um die KI-Vorherrschaft hinterher, was Basismodelle, Plattformen oder Hardware betrifft. Das bedeutet aber nicht, dass KI für europäische Aktien nicht relevant wäre. Bei der nächsten Phase der KI-Entwicklung geht es nicht nur darum, wer die Technologie baut, sondern auch darum, wer sie effektiv nutzt. Dem neusten „AI Diffusion Report“1 von Microsoft zufolge liegt Europa bei der Einführung recht weit vorne. 

Viele europäische Firmen sind große etablierte Unternehmen mit Daten, Größenvorteilen und einem festen Kundenstamm, die sich nutzen lassen. Für sie geht es bei KI weniger um eine grundlegende Veränderung des Geschäftsmodells als um eine Verbesserung der Effizienz, eine Senkung der Kosten und eine Stärkung der Gewinnmargen.

Die Preissetzungsmacht ist hier die entscheidende Variable. Unternehmen, die KI einführen und gleichzeitig ihre Preisdisziplin beibehalten können, werden Produktivitätsgewinne mit größerer Wahrscheinlichkeit in Gewinne ummünzen. Diejenigen ohne Preissetzungsmacht reichen unter Umständen die Vorteile an die Kunden weiter.

Die KI-Einführung befindet sich immer noch in der Anfangsphase, und Belege für ihren finanziellen Nutzen zeigen sich erst nach und nach. Langfristig könnte dies aber eine der wichtigsten positiven Triebkräfte für Europa sein, besonders aufgrund des relativ niedrigen Ausgangspunkts bei der Produktivität.

Zunehmende strategische Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Eine der markantesten Veränderungen in der europäischen Politik ist ein Fokus auf strategischer Autonomie. Verteidigungsausgaben, Energiesicherheit, Investitionen in das Stromnetz und strategische Lieferketten sind alle Teil dieser Agenda. Neben den Investitionen selbst besteht die Herausforderung in der Koordination und Geschwindigkeit. Es ist aber wahrscheinlich, dass externe Herausforderungen (beispielsweise der Wunsch der US-Regierung, Grönland zu kaufen) diesen Umfeldwechsel beschleunigen.

Hier sind Empfehlungen des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi relevant. Sein Bericht zur „Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“2 weist auf bekannte Schwächen wie Zersplitterung, langsame Entscheidungen und fragmentierte Kapitalmärkte hin. Diese werden insbesondere als dringend anzugehende wirtschaftliche Risiken anstelle von langfristigen Verbesserungsvorschlägen formuliert. Bislang sind nur ungleiche Fortschritte zu verzeichnen3, eine Beschleunigung der Umsetzung würde jedoch die Fähigkeit Europas, strategische Ambitionen in Wachstum umzuwandeln, erheblich verbessern. Bereiche mit dem größten Potenzial sind u.a.: 

  • Spar- und Investitionsunion: Die fragmentierten Kapitalmärkte Europas bleiben eine Strukturschwäche. Eine bessere Mobilisierung von Ersparnissen in produktive Investitionen würde offenkundig dem Wachstum und Innovationen zugutekommen. Gespräche über Reformen haben Fahrt aufgenommen, und der Handlungsdruck ist gestiegen. 
  • Binnenmarkt: Der IWF schätzt, dass Handelsbarrieren innerhalb der EU so hoch sein könnten wie ein Zolläquivalent von ca. 44% im Durchschnitt auf Güter – das Dreifache der Handelsbarrieren zwischen US-Bundesstaaten. Für Dienstleistungen entsprechen sie einem Zoll von 110%. Hier besteht eindeutig Potenzial für enorme Gewinne. Es gibt nach wie vor bedeutsame Hindernisse, die neue Strategie4 der Europäische Kommission zum Umgang mit den zehn schädlichsten internen Handelsbarrieren könnte aber konkrete Ergebnisse liefern.
  • Handelsvereinbarungen: Die auf europäische Exporte verhängten US-Zölle haben die Dringlichkeit eines Abschlusses von Handelsabkommen mit Lateinamerika (Mercosur), aber auch mit Indonesien, Australien und Indien, wieder erhöht. Diese Märkte machen zwar momentan eine kleineren Anteil der europäischen Exporte aus, sie könnten aber im Zeitablauf wachsen. Besonders der Abschluss des seit langem ausstehenden Mercosur-Abkommens würde ein positives Signal bezüglich des Zusammenhalts der EU und ihrer Fokussierung auf Wachstum senden. 

Sonstige potenzielle Positivfaktoren 

  • M&A-Aktivitäten als Signal der Zuversicht: Bei Fusionen und Übernahmen zeigt sich in Europa allmähliche eine Erholung. Dies wird die Wertentwicklung zwar weniger direkt beeinflussen, es signalisiert aber eine Verbesserung des Geschäftsklimas und eine Bereitschaft der Unternehmen, Kapital einzusetzen. Die weitere Dynamik könnte aber durch Regulierungsvorschriften, Bewertungslücken und makroökonomische Unsicherheitsfaktoren gebremst werden.
  • Energiepreise: Trotz Aufwärtsdruck bei Energiespeichern in diesem Winter gehen unsere Energieanalysten für die nächsten drei bis fünf Jahre von einem Rückgang der gasbasierten Stromkosten aus, was den Inflationsdruck durch Rohstoffpreise reduzieren und zu einem gewissen Grad auch die Wettbewerbsfähigkeit verbessern würde. Langfristig sollten auch die anhaltende Entwicklung erneuerbarer Energiequellen und Investitionen in Energieinfrastruktur die Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern.
  • Ein dauerhafter Waffenstillstand in der Ukraine: Ein Waffenstillstand scheint momentan zwar in Anbetracht der Maximalforderungen Russlands noch nicht wirklich in Reichweite, die Möglichkeit sollte aber auch nicht völlig ausgeschlossen werden. 

Weiterhin struktureller Gegenwind 

Gleichzeitig sieht sich Europa nach wie vor mit erheblichen strukturellen Hindernissen konfrontiert. Insbesondere:

Die zunehmende Konkurrenz durch China 
Einer der am stärksten unterschätzten Bremsblöcke für die Gewinne europäischer Unternehmen ist nicht die Binnennachfrage, sondern der globale Wettbewerb. Besonders chinesische Hersteller erhöhen weiter den Druck in zahlreichen Industriesegmenten, häufig mit aggressiver Preispolitik und Skalenvorteilen.

Dies ist von Bedeutung für Europa, da am Aktienmarkt reife Industriesektoren eine wichtige Rolle spielen – hier sind die Margen anfällig für Wettbewerb und es ist schwierig, sich abzuheben. Auch wenn der direkte Einfluss chinesischer Unternehmen auf die Umsätze nur begrenzt sein mag, so können die indirekten Auswirkungen auf die Preise und Marktanteile doch beträchtlich sein. 

Wir sehen zwar erste Anzeichen, dass Europa bereit ist, dieser Bedrohung mit robusteren und stärker koordinierten industriepolitischen Maßnahmen zu begegnen, dieses Problem wird aber nicht einfach zu lösen sein. Dieses Strukturrisiko könnte das Potenzial für eine breite Erholung der europäischen Gewinne begrenzen.

Wachsender demografischer Druck
Eine schnell alternde Bevölkerung belastet einerseits zunehmend die Staatsfinanzen durch höhere Renten- und Gesundheitsausgaben und reduziert andererseits das Arbeitskräfteangebot, während es gleichzeitig im Hinblick auf mehr Einwanderung politischen Gegenwind gibt. Finanzielle Engpässe in den Staatshaushalten könnten erforderliche Investitionen einschränken, und Arbeitskräftemangel könnte sich in einer höheren Inflation und geringeren Wettbewerbsfähigkeit niederschlagen. 

Hier sind u.a. die folgenden Entwicklungen besonders relevant:

  • eine breite Nutzung ressourcenschonender Technologien, einschließlich KI;
  • eine verstärkte gemeinsame Schuldenaufnahme der EU zur Erleichterung wichtiger Investitionen;
  • kreativere Maßnahmen, um eine alternde Erwerbsbevölkerung länger aktiv zu halten; und
  • eine intelligentere Einwanderungspolitik, um qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen.

Geopolitische Unsicherheit 
Europas offene Wirtschaft und exportorientierte Unternehmen sind besonders anfällig für geopolitische Unsicherheit aufgrund der Abhängigkeit der Region sowohl von Energieimporten als auch dem durch die USA gespannten Sicherheitsschirm. In der Vergangenheit haben Krisen häufig als Impuls für Fortschritte in Europa gewirkt. Die politische Zersplitterung und die wachsende Popularität euroskeptischer Rechtsparteien sind derzeit große Hürden für ernsthafte Durchbrüche, zunehmende Spannungen mit den USA und China könnten aber für mehr Zusammenhalt und Reformen sorgen. 

Was bedeutet dies für Anleger? 

  • Kleine Verbesserungen sind wichtig: Zahlreiche „Was-wäre-wenn“-Szenarien könnten zwar den beginnenden Aufschwung zum Scheitern bringen, das niedrige Niveau der Markterwartungen bedeutet aber, dass selbst geringfügige Verbesserungen ein beträchtliches Aufwärtspotenzial bedeuten könnten. 
  • Japan als vielversprechende Parallele: Wie Europa hat auch Japan unter wiederholten Rückschlägen und einer anhaltend negativen Stimmung gelitten. Wir sehen Japan aber seit einigen Jahren positiv, da der Übergang zu einem Umfeld mit höherem nominalen Wachstum mit Verbesserungen bei Corporate-Governance-Standards und mikroökonomischen Strukturreformen einherging, was höhere Eigenkapitalrenditen und Unternehmensgewinne zur Folge hatte. 
  • Selbst kleine Schritte Europas in Richtung einer stärkeren Integration, einer intelligenteren Deregulierung und einer größeren Offenheit für grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen könnten einen ähnlichen Rückenwind auf der Mikroebene erzeugen wie in Japan.
  • Ein guter Zeitpunkt für aktives Management: Wir sind der Meinung, dass der sich beschleunigende Umfeldwechsel in Europa aktiven Managern bereits erheblichen Spielraum bietet, Aufwärtspotenzial zu erschließen, indem sie sich auf die größten Nutznießer des Umfeldwechsels konzentrieren und gleichzeitig die Risiken in Bezug auf Unternehmen und Sektoren minimieren, die hier zu den Verlieren zählen dürften.

 1Global AI adoption in 2025“, Microsoft AI Economy Institute, 8. Januar 2026. | 2Mario Draghi „Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“, Europäische Kommission, September 2024. | 3One year after the Draghi report“ (Ein Jahr nach dem Draghi-Bericht), Europäische Kommission, September 2025. | 4Der Binnenmarkt: unser europäischer Heimatmarkt in einer unsicheren Welt“, Europäische Kommission, 21. Mai 2025.

Die zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind diejenigen der Autoren zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Dokuments. Andere Teams können andere Ansichten vertreten und andere Anlageentscheidungen treffen. Der Wert einer Anlage kann gegenüber dem Zeitpunkt der ursprünglichen Investition steigen oder sinken. Von externen Anbietern stammende Daten werden zwar als verlässlich erachtet, doch gibt es keine Garantie für ihre Richtigkeit. Nur für professionelle, institutionelle oder zugelassene Anleger. 

Experten

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Supriya Menon

Head of Multi Asset Strategy - EMEA
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Patrick Wattiau

Investment Strategy Analyst

Zusätzlicher Beitrag durch:

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Nicolas Wylenzek

Macro Strategist

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